Internationaler Freimaurerorden für alle Menschen Österreich

LE DROIT HUMAIN

DAS MENSCHENRECHT

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Galerie der Erinnerung

Lilli Heu

Lilli Heu ▩ Lilli Heu

Lilli Heu wurde am 5. September 1899 Wien mit dem Namen Cäcilia in eine jüdische Familie geboren. Der Vater, Albert Hirschenhauser (1868-1929) trägt bei ihrer Geburtseintragung mit dem Namen Fritz Albert verzeichnet. Er stammte aus Mähren, war Schauspieler und möglicherweise fungierte „Albert“ als sein Künstlername. In Wien heirateteer Therese Karpel (1870-1942). Die Unternehmerin betrieb unter dem Namen Albert im noblen 1. Wiener Bezirk, am Bauernmarkt 14, ein Kunstblumen- und Federngeschäft. Wie viele jüdische Personen, die es im Fin de siècle in die Habsburgermetropole zog, wohnte man im Zweiten Wiener Bezirk, in der Leopoldstadt, Im Werd 17. Die bildungsaffinen Eltern ermöglichten der Tochter den Besuch der 1901 gegründeten Schwarzwald-Schule. 1911 trat sie dort unter dem Namen Lilli Albert in die erste Lyzealklasse ein. Ab diesem Jahr war sie daher privilegiertes Mitglied einer Wiener Schule, an der Mädchen ein äußerst progressiver Unterricht geboten wurde. Unter der Initiatorin Dr. Eugenie Schwarzwald hatte sich die reformpädagogische Anstalt seit der Jahrhundertwende schnell zu einer maßgeblichen Wiener Institution für bürgerliche Mädchen, meistens mit jüdischem Hintergrund, entwickelt. Lehrkräfte wie der Architekt Adolf Loos, der Maler Oskar Kokoschka, der Starjurist Hans Kelsen oder die berühmte Kulttänzerin Grete Wiesenthal sollten als Vertreter und Vertreterinnen der Avantgarde bunte Kreativität und modernes Wissen vermitteln. Die Schülerinnen lernten zudem Englisch und Französisch, machten Ausflüge in Museen oder wanderten durch die Landschaft. Obligatorisch war der Turnunterricht, der zusätzlich zur Theorie, weibliche Sportlichkeit und Selbstbewusstsein trainieren half. Aus dieser Reformschule gingen begehrte Gefährtinnen und zahlreiche selbstständige Künstlerinnen hervor.

Auch Lilli Albert konnte von dem breiten Angebot des Bildungsspektrums profitieren. Sie war sprach- und musikbegabt, wählte statt eines Berufes jedoch mit 25 Jahren vorerst die Ehe. Ihre Wahl fiel 1924 auf den fast doppelt so alten 48-jährigen Bildhauer Josef Heu (1876- 1952), der bereits eine Ehe hinter sich hatte. Der Spätimpressionist war vor dem Ersten Weltkrieg durch seine beeindruckenden Großplastiken im öffentlichen Raum bekannt geworden. In der Zwischenkriegszeit galt er neben Anton Hanak als das österreichische Aushängeschild der bildenden Kunst. Ein Atelier in den berühmten Räumen der einstmaligen Weltausstellung von 1873 - im Wiener Prater - unterstrich die Bedeutung des Professors. Der einer evangelischen Bauernfamilie aus dem slowenischen Marburg an der Drau/Maribor Entstammende war zwischen 1902 und 1912 Mitglied des Hagenbundes. 1904 trat er der Freimaurerloge Freundschaft der rein männlichen Kette bei. In den Jahren zwischen 1930 bis 1934 fungierte er schließlich als Präsident der Gesellschaft für christliche Kunst. Als Bildhauer war er für viele Repräsentationsplastiken des zuständig, als Lehrer unterrichtete er an der Akademie für angewandte Kunst. Sohn Christoph, er wurde historischer Autodidakt, erblickte 1925 (+1987) das Licht der Welt. Johannes geboren 1928 (+ 2010), er wurde ebenfalls bildender Künstler. Beide mussten mit ihren Eltern vor dem Nationalsozialismus fliehen, kehrten jedoch im Alter nach Österreich zurück. Johann/John heiratete 1976 die aus Darmstadt stammende und 1956 geborene Angela Michel (+2013). Sie arbeitete als Lehrerin an einer Rudolf Steiner Schule in York und unterrichtete unter anderem Gesang. 2Ihre Tochter Katharina, geboren 1976, trat ebenfalls das künstlerische Erbe, in ihrem Fall jenes als Restauratorin, an.

Lilli Heu war in Wien nicht nur mit ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter beschäftigt, sie betätigte sich darüber hinaus als Schriftstellerin. Während ihr Mann regelmäßig mit seinen Ausstellungen oder Atelierbesuchen öffentliche Aufmerksamkeit erlangte, findet man Lilli Heu nur sporadisch in den Printmedien. 1930 erschien sie mit dem Kinderbuch in Versen Jetzt wollen wir Märchen spielen… auf dem gesellschaftlichen Parkett. Die Illustrationen stammten von der damals durchaus bekannten Graphikerin Lisbeth Hönigsmann-Haase. Für die Publikation wählte sie, um ihre Eigenständigkeit zu demonstrieren, als Autorin ihren Mädchennamen Lilli Albert. Dennoch wurde sie mit ihrem Werk als „begabte Frau des Bildhauers Josef Heu“ im Neuen Wiener Journal angekündigt . „Junge begabte Frau und berühmter alter Mann“, dieses Klischee haftete ihr an, doch sie ließ in ihren kreativen Bestrebungen nicht locker. Die Schriftstellerei und das Genre Kinderbuch verfolgte sie weiter. 1935 schrieb sie den Text zu dem Stück Kasperl wird wieder modern. Die Malerin Marie Rosenegg zeichnete dazu die Figuren, die ihr Mann zu Puppen modellierte. Aus dieser Aktivität entstand ein eigenes Puppentheater bei dem Marie Rosenegg und Lilli Heu 1936 sowohl als Sprecherinnen als auch als Direktorinnen zum Beispiel im stadtberühmten Kaufhaus Gerngroß auftraten. Der Erlös wurden dem Mittagstisch für hungrige Kinder gewidmet. Auch schrieb sie an einer Komödie Projektion oder Der Triumph der Technik.

Gleichzeitig baute Lilli Heu in ihren Aktivitäten die Brücke zur Musik. Zusammen mit Albert Rosenegg schrieb sie 1933 das Libretto zur Operette Heute gastiert die Liebe. Heinrich Krips (1912-1987), - ein damals erfolgreicher Dirigent und Komponist, der 1939 zur Flucht gezwungen wurde - schrieb dazu die Musik. Anlässlich der Wiedereröffnung des Bürgertheaters als Operettenbühne wurde das Singspiel am 28. September 1933 im 3. Bezirk aufgeführt.

1930 wurde Lilli Heu, ebenso wie es ihr Mann schon seit 1904 war, Freimaurerin, allerdings in der gemischten Kette, in der Loge Harmonie des Le Droit Humain. Hier entwickelte sie sich schnell zu einer umtriebigen Person, was ihr 1936 sogar die Wahl zur stellvertretenden Obfrau bescherte. Im gleichen Jahr verließ sie die Israelitische Kultusgemeinde und trat zum evangelischen Glaubensbekenntnis über. Wie aus den Logenprotokollen hervorgeht, bat sie 1936 um die Förderung eines Kongresses gegen Krieg und Hass, was Rückschlüsse auf ihre politische Gesinnung zulässt. In der Loge traf sie zudem auf die Musikpädagogin Helene Reif, von der sie private Gesangsstunden erhielt. Reif gelang es, die durchaus begabte Sängerin zu einer guten Interpretin von Hugo Wolf, Franz Schubert und Robert Schumann auszubilden. Die neue Kompetenz sollte ihr nach der Flucht in England vor allem bezüglich diverser Kontakte dienlich sein. Wie sich ihr Sohn Johannes/John erinnerte, bot die Freimaurerei zur Zeit des Austrofaschismus für ihre Mitglieder ein wichtiges Forum, das wegen seiner humanitären Ausrichtung auch Hilfestellungen in Notfällen bieten konnte. Für jüdische Personen erhielt ein Beitritt auf Grund der zunehmenden politischen Gefährdung zusätzliche Attraktivität,. Noch kurz vor der erzwungenen Emigration lernte das Paar über die Freimaurerei Albert Neufeld persönlich kennen. Auch er war Mitglied der gemischten Loge Harmonie. Einst unterrichtete er Lilli an der Schwarzwaldschule in den Musikstunden in Harmonielehre, zudem gab er Klavierunterricht, trat als Begleiter in Konzerten auf und komponierte. Bei der von ihm verfassten Oper Almansor, einem lyrischen Drama von Heinrich Heine, kürzte. Lilli Heu den Text und versah ihn mit einem Vorspiel. Um sein Lebenswerk zu retten, übergab Neufeld seine Partituren der Familie Heu, bevor diese durch die Nationalsozialisten zur Flucht gezwungen wurde. Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg brachte sie Lillis Sohn Johannes/John in das Jüdische Museum nach Wien. Von dort wurde es 2024 an Exilarte in die Universität für Musik und darstellende Kunst weitergeleitet. Sie bleibt bislang das einzige musikalische Vermächtnis eines der Historie verlorengegangenen Komponisten, der ein Opfer der Schoah wurde.

Nach dem sogenannten „Anschluß“ erkannte Lilli Heu rechtzeitig die Gefahr und floh aus ihrer Wohnung im 18. Bezirk, in der Pötzleinsdorferstraße 65, nach England. Auch ihr „arischer“ Mann war in Wien nicht mehr sicher. Er wurde wegen der jüdischen Herkunft seiner Frau mit Arbeitsverbot belegt, sein Prateratelier beschlagnahmt und er selbst zur Flucht gezwungen. Im Juli 1938 zeigt seine erzwungene Vermögensanmeldung mehrheitlich leere Stellen. Von seiner 9.154.- RM umfassenden Lebensversicherungspolizze hatte er sich im Mai 1938 4.170.- RM als Vorschuss auszahlen lassen. Nur der Vermerk einer goldenen Herrenuhr, einer goldenen Ehrenmedaille und der Rest einer Bronze-Vereinigte Metallwerke Auszahlung von insgesamt 1.050 RM füllen die Zeilen. Seine Flucht stand anscheinend unter prekären finanziellen Verhältnissen. Anfang 1939 gelangte er nach England. Während Lillis Mutter 1942 in Treblinka ermordet wurde, erhielt das Ehepaar Heu mit seinen Söhnen Unterstützung von den Quäkern und Unterkunft bei Benediktinermönchen . In den Nachkriegsjahren arbeitete Josef Heu, oft in Kooperation mit seinem Sohn John als Maler und Bildhauer. Aufträge kamen von Klöstern und diversen kirchlichen Institutionen. Auch war er in England wieder mit Ausstellungen präsent. 1946, nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, wurde in Wien seine Plastik Rufer in der Wüste aus dem Jahr 1929 zu einem der zentralen Exponate in der großen antifaschistischen Ausstellung Niemals vergessen. Der vertriebene Schöpfer starb am 30. Oktober 1952 im Alter von 76 Jahren in Ampleforth, in der Grafschaft North Yorkshire im nördlichen Großbritannien und wurde am Friedhof Our Lady & St. Benedict's Catholic church begraben.

Lilli Heu unterrichtete im Zufluchtsland an verschiedenen Schulen die deutsche Sprache und engagierte sich wie einst in Wien bei Theateraufführungen. Sie schrieb Gedichte, Songtexte, verfasste Bühnenstücke, die sie in Schulen zur Aufführung brachte und führte ein offenes Haus. Als Gitarristin und Sängerin pflegte sie mit anderen Kunstschaffenden der unterschiedlichen Richtungen regen Austausch. Schließlich zog sie nach dem Tod ihres Mannes zusammen mit ihrem Sohn Johannes/John in ein großes Reihenhaus nach York, das sie durch Untervermietung mit anderen teilte. Das künstlerische Erbe von Lilli und Josef Heu und des Wiener Großvaters Albert Hirschenhauser ging auf Sohn Johannes/John über. 1958 wurde Johannes/John Heu Bühnenbildner für das nordenglische Opernhaus in Harrogate. Schließlich absolvierte er eine Schauspielausbildung an der Northern Theatre School in Bradford und wurde hier im folgenden Jahr Mitglied des Northern Children’s Theatre. Theater und bildende Kunst, beide Lebensinhalte führte er in seinen beruflichen Zusammenhängen weiter. Den Lebensabend verbrachte er in Österreich.

Lilli Heu überlebte ihren Mann um dreißig Jahre. Die letzte Ruhestätte fand die Künstlerin 1982 an seiner Seite in Ampleforth Nordengland. Ihre Enkelin Katharina hütet als einzige Nachfahrin in England den Nachlass ihrer kunstbeflissenen Familie.



Quelle: Archiv und Forschung des LE DROIT HUMAIN Österreich

Link: Lilli Heu auf der Plattform WIEN GESCHICHTE WIKI